John Millei: Feelings Are Like Water
Mit der Werkserie „Feelings Are Like Water“ vertieft John Millei eine der zentralen Fragestellungen seines malerischen Œuvres: Wie lassen sich innere Zustände sichtbar machen, ohne sie zu fixieren, zu erzählen oder zu illustrieren? In diesen Arbeiten erscheint das Meer nicht mehr als landschaftliches Motiv oder äußerer Erfahrungsraum, sondern als metaphorische Struktur – als visuelle Entsprechung emotionaler Beweglichkeit, psychischer Übergänge und zeitlicher Kontinuität. Wasser fungiert hier nicht als Sujet im klassischen Sinne, sondern als Denkform. Gefühle, so legt der Titel nahe, sind wie Wasser: sie sind fließend, veränderlich, nicht dauerhaft kontrollierbar. Sie entstehen, verdichten sich, lösen sich auf und kehren in veränderter Form zurück. Diese Qualitäten übersetzt Millei in eine Malerei, die sich der dramatischen Zuspitzung bewusst entzieht und stattdessen auf Rhythmus, Wiederholung und subtile Variation setzt.
Bereits in seinem früheren Werkzyklus Surfer hatte sich Millei intensiv mit dem Meer auseinandergesetzt, damals jedoch noch als Ort physischer Erfahrung, als Raum von Körperlichkeit, Balance und Risiko. Der Mensch war Teil der Bildlogik, explizit oder implizit präsent im Verhältnis zur Natur. In Feelings Are Like Water ist diese Figur vollständig verschwunden. Was bleibt, ist Bewegung selbst. Diese Abwesenheit markiert keinen Verlust, sondern eine Verschiebung: Das Meer wird zur inneren Landschaft, zur Projektionsfläche emotionaler Zustände. Die Welle erscheint nicht mehr als dramatischer Höhepunkt oder eruptives Ereignis, sondern als rhythmisches Element, als kontinuierliche Bewegung ohne narrativen Kulminationspunkt. In dieser Entdramatisierung liegt eine entscheidende inhaltliche Transformation. Milleis Bilder erzählen keine Geschichten, sie erzeugen Resonanz.
Formal zeichnen sich die Werke durch eine reduzierte, zugleich hochgradig sensible Bildsprache aus. Gedämpfte Blau-, Grau- und Weißtöne dominieren die Bildflächen, ergänzt durch fein modulierte Übergänge und sichtbare Pinselzüge. Die Farbe wird geschichtet, teils transparent, teils körperlich aufgetragen, sodass der Entstehungsprozess lesbar bleibt. Diese Malerei oszilliert zwischen Kontrolle und Loslassen, zwischen bewusster Setzung und intuitiver Geste. Zeit wird hier nicht dargestellt, sondern erfahrbar gemacht. Die Wiederholung ähnlicher Formen, die minimalen Verschiebungen im Rhythmus der Wellen und die Nuancen der Farbigkeit erzeugen eine Wahrnehmung von Dauer und Veränderung zugleich. Das Bild wird zu einem Ort des Verweilens – nicht des schnellen Lesens.
Unweigerlich tritt diese Werkserie in einen Dialog mit der kunsthistorischen Tradition des Meeresmotivs. Besonders präsent ist dabei der Bezug zu Katsushika Hokusai und dessen ikonischem Holzschnitt Die große Welle vor Kanagawa. Hokusais Welle ist Verdichtung und Zuspitzung, ein eingefrorener Moment maximaler Spannung, Sinnbild überwältigender Naturkraft und zyklischer Zeit zugleich. Milleis Wellen hingegen verweigern diesen Moment der Kulmination. Wo Hokusai das dramatische Ereignis betont, interessiert sich Millei für das Kontinuum. Seine Wellen brechen nicht – sie setzen sich fort. Dennoch verbindet beide Künstler ein gemeinsames Verständnis von Reduktion: Die Welle wird zur archetypischen Form, zur Chiffre für Bewegung, Vergänglichkeit und Wiederkehr. In Milleis zeitgenössischer Lesart verschiebt sich diese Chiffre jedoch von der äußeren Naturgewalt hin zur inneren Erfahrung.
Eine weitere inhaltliche Vertiefung eröffnet sich im Dialog mit dem Werk Panta Rhei des chinesischen Künstlers Liu Ren. Auch hier wird Bewegung nicht dargestellt, sondern strukturell erzeugt. Liu Ren formt Wellen aus Sprache, aus repetitiven Schriftzeichen, die sich zu fließenden Mustern verdichten. Das heraklitische Prinzip des ständigen Werdens – alles fließt – bildet den gemeinsamen philosophischen Untergrund beider Positionen. Während Liu Ren Semantik in Bewegung überführt, bleibt Millei der Malerei verpflichtet. Seine Bilder sind sinnlich, materiell und körperlich; Farbe wird zu Gefühl, Geste zu Zeit.
In einer Gegenwart, die von visueller Beschleunigung, Informationsdichte und permanenter Reizüberflutung geprägt ist, entfalten Milleis Arbeiten eine stille Widerständigkeit. Sie fordern keine Aufmerksamkeit, sie ermöglichen Präsenz. Ihre Wirkung entsteht nicht durch Spektakel, sondern durch Ruhe. Feelings Are Like Water ist damit weniger eine Serie über das Meer als eine Malerei über emotionale Beweglichkeit, über das Akzeptieren von Wandel und Unbestimmtheit. Das Wasser fungiert als universelles Medium – verbindend, wandelbar, niemals abgeschlossen. So werden diese Bilder zu offenen Räumen, in denen sich individuelle Erfahrungen spiegeln können, ohne festgeschrieben zu werden.